Wer sozialen Medien phasenweise den Rücken kehrt, schläft besser und leidet seltener unter Stress, Angst- oder depressiven Symptomen. Das zeigen erste Zwischenergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Universitätsklinikums Ulm (UKU). Bereits eine Reduktion der täglichen Nutzung bringt messbare Vorteile für die psychische Gesundheit junger Menschen.
Soziale Netzwerke gehören für viele Jugendliche und junge Erwachsene fest zum Alltag. Dass der Dauerkonsum jedoch Spuren hinterlässt, verdeutlicht die von der Baden-Württemberg Stiftung geförderte „Social-Media-Detox-Studie“, die an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm durchgeführt wird. Untersucht werden die Auswirkungen einer temporären Nutzungsbeschränkung auf die psychische und körperliche Gesundheit von 16- bis 29-Jährigen.
An der bundesweiten, randomisierten kontrollierten Studie nahmen 131 junge Menschen teil. Ein wichtiges Kriterium: Zu Studienbeginn nutzten sie Plattformen wie Instagram, YouTube, Snapchat, TikTok oder Facebook durchschnittlich mindestens vier Stunden am Tag – belegt durch Screenshots ihrer Nutzungszeiten.
Signifikante Verbesserung nach vier Wochen
Für das Experiment wurden die Probanden in drei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe begrenzte ihre tägliche Social-Media-Zeit für vier Wochen auf maximal eine Stunde, während eine zweite Gruppe ein individuelles Limit festlegte. Die Kontrollgruppe behielt ihr gewohntes Nutzungsverhalten zunächst bei und reduzierte erst im Anschluss.
Die Ergebnisse nach vier Wochen sprechen eine deutliche Sprache:
Höheres Wohlbefinden: In beiden Interventionsgruppen verbesserten sich das subjektive Wohlbefinden und das Stressempfinden im Vergleich zur Ausgangslage signifikant. Bei der Kontrollgruppe traten keine nennenswerten Veränderungen auf.
Weniger Angst- und depressive Symptome: Besonders stark profitierten die Teilnehmenden, die ihre Nutzung auf maximal eine Stunde täglich deckelten. Zu Beginn berichteten 41 % dieser Gruppe von klinisch relevanten depressiven Symptomen – nach vier Wochen verringerte sich dieser Wert auf 21 %. Die Angstsymptome halbierten sich im selben Zeitraum von 34 % auf 17 %.
Besserer Schlaf: Auch die Schlafqualität stieg deutlich. Der Anteil der Probanden mit moderaten bis schweren Schlafproblemen sank in der Ein-Stunden-Gruppe von 22 % auf 12 % – ein Rückgang von fast 46 %.
Neben validierten Fragebögen zu Faktoren wie Schlaf, Wohlbefinden oder Körperwertschätzung flossen auch biometrische Daten von Fitnesstrackern sowie qualitative Interviews in die Erhebung ein.
Befähigen statt Reines Verbiegen
Studienleiter Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sieht in den ersten Auswertungen wertvolle Impulse für die Prävention: „Unsere Studie liefert erste Hinweise darauf, dass bereits eine zeitweise Reduktion der Social-Media-Nutzung, zumindest kurzzeitig, positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen haben kann.“
Fegert spricht sich dafür aus, junge Menschen aktiv in die Debatte einzubinden: „Umso wichtiger ist es, junge Menschen langfristig bei einem bewussten Umgang mit sozialen Medien zu unterstützen und sie an solchen Aktivitäten direkt zu beteiligen. Es ist wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen und ihnen Erfahrungsräume zu bieten, anstatt die Diskussion nur über sie zu führen.“
Ausblick: Wie nachhaltig ist der Effekt?
Die Zwischenergebnisse wurden von Prof. Fegert im Rahmen des „Baden-Württemberg Breakfast Briefings“ in Stuttgart der Öffentlichkeit präsentiert. Da die Intervention selbst bereits abgeschlossen ist, laufen derzeit weitere statistische Analysen. Eine Nachbefragung drei Monate nach Studienbeginn soll Aufschluss darüber geben, wie dauerhaft die positiven Effekte im Alltag der Teilnehmenden anhalten.
Ziel des Forschungsprojekts ist es letztlich, konkrete Handlungsempfehlungen für einen gesundheitsförderlichen und reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln.
Kommentare